Der Dschungel über der Stadt

Der Dschungel über der Stadt

Der Dschungel %C3%BCber der Stadt

9. November, 2009

Die City Hall (Rathaus) von Chicago ist ein beeindruckendes Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert in einem nostalgischen Klassikstil mit breiten Säulen vor der Fassade. Doch eine wichtige Eigenschaft bleibt allen Passanten, die das Rathaus von der La Salle Street aus bewundern, verborgen: das üppige Grün, das das Dach des Gebäudes ziert. Von unten gesehen weist nichts darauf hin, dass das Dach des elfstöckigen Hauses mit Erde, Gras, Pflanzen und Sträuchern bedeckt ist. Das begrünte Dach der Chicagoer City Hall ist nur eines von vielen Beispielen für die Begeisterung, die solche Dachgärten derzeit weltweit auslösen. Denn sie sorgen nicht nur für eine schönere Ansicht des städtischen Dschungels aus der Vogelperspektive, sondern geben bislang vernachlässigten Flächen auch einen besonderen Nutzen.

Begrünte Dächer sind derzeit im Trend, aber neu ist der Gedanke nicht. In Skandinavien waren bewachsene Dächer bereits vor Jahrhunderten ein häufiger Anblick, da sie die Hausbewohner vor Nässe und Kälte schützen konnten. Die modernen, flachen Dachgärten wurden jedoch erst in den 1960er Jahren in Deutschland entwickelt, wo heutzutage schätzungsweise zehn Prozent aller Dächer begrünt sind. Seitdem hat sich der Trend in anderen europäischen Ländern wie in der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Italien und Großbritannien verbreitet. Doch auch in den USA und Kanada gewinnt das Konzept der Dachbegrünung immer mehr Freunde.

Hitzeinseleffekt
Seit 2001 besteht der Dachgarten auf der Chicagoer City Hall, der jedoch weder als öffentlicher Park zur Erholung der Massen, noch als ruhiger Erholungsbereich für die städtischen Angestellten – oder Bürgermeister Richard Daley – dient. Vielmehr ist das Dach des Rathauses, einer der ersten und berühmtesten Dachgärten in den USA, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Er wurde zu einem ganz anderen Zweck entwickelt: Das Grün isoliert das Gebäude, nimmt überschüssiges Regenwasser auf, dient Tieren als Rückzugsgebiet und verringert den sogenannten Hitzeinseleffekt.

Nichts lässt einen das Konzept einer städtischen Hitzeinsel besser erleben, als an einem heißen Sommertag über einen flirrenden Parkplatz zu gehen. Die dunkle Oberfläche absorbiert das Sonnenlicht und gibt es als Hitze wieder ab, wodurch die direkte Umgebung deutlich wärmer wird als die Tagestemperaturen vermuten lassen. In Städten mit ihren großen Asphaltflächen und wenig Grün sind die Temperaturen deshalb häufig um bis zu vier Grad höher als in den angrenzenden ländlicheren Gebieten. Doch begrünte Dächer können diesen Effekt deutlich verringern. Um noch einmal die City Hall in Chicago als Beispiel zu nehmen: An heißen Tagen sind die Temperaturen auf dem Dach üblicherweise um 14 bis 44 Grad niedriger als auf benachbarten Gebäuden mit herkömmlichen Dächern. Wären alle Dächer in großen Städten bepflanzt, ließe sich laut mehrerer Studien die allgemeine Temperatur an heißen Tagen um bis zu sieben Grad verringern.

Städtische Wildnis
Begrünte Dächer haben viele Vorteile, die das hohe Gewicht schnell wieder aufwiegen. Je nach Art des Dachs benötigen sie ein gutes Ablaufsystem, machen danach jedoch keine oder kaum Arbeit durch Instandhaltung. Der dämmende Effekt einer Schicht Erde auf dem Dach verringert die Wärme- und Kühlanforderungen der Gebäude teilweise um bis zu 25 Prozent und sorgt so für deutlich niedrigere Strom- und Heizungskosten. Zudem sind begrünte Dächer haltbarer als herkömmliche Bedachungen und reinigen die Luft, indem sie Regenwasser aufnehmen. Bei heftigen Stürmen fließt nicht der gesamte Regen in die Kanäle, so dass diese nicht überlaufen. Besonders nützlich sind solche Ökodächer außerdem, da sie die innerstädtische biologische Vielfalt erhöhen und wilden Tieren einen Lebensraum bieten.

Überall auf der Welt entwickeln lokale und staatliche Regierungen Gesetze, Fördermöglichkeiten und Anreize für Architekten und Hausbesitzer, ihre Dächer zu begrünen. Sollte dieser Trend anhalten, werden Dachgärten bald ein integraler Bestandteil des Stadtbilds sein und nicht mehr nur hier und da vereinzelt in Luftaufnahmen auftauchen.

Quelle/Weitere Informationen

How stuff works (Englisch)

Wikipedia



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